Rezension

„Ein Sommer am See“ von Mariko & Jillian Tamaki

Mariko & Jillian Tamaki fangen in ihrem Comic die Stimmung eines Sommers ein, den man so schnell nicht vergisst. In Ein Sommer am See geht es ums Erwachsenwerden, um eine Freundschaft, die zu zerbrechen droht und um ein Schicksal, das den Zusammenhalt einer Familie hart auf die Probe stellt. Eine fesselnden Geschichte mit eindringlichen und wunderschönen Zeichnungen, die durch ihre unglaublich sinnliche Atmosphäre überzeugt.

Inhalt

Jeden Sommer fahren Rose und ihre Eltern in das gleiche Haus an die See. Dort lebt auch Roses Sommerfreundin Windy, die für sie wie eine Schwester ist. Doch diesen Sommer ist alles anders. Zwischen Rose und Windy hat sich etwas verändert, denn Rose kann den kindlichen Spielen mit Windy nichts mehr abgewinnen. Viel interessanter und verstörender findet sie die Jugendlichen aus dem Dorf, die lautstark über ihre sexuellen Erfahrungen reden. Auch Roses Eltern hören nicht auf zu streiten, über ein zweites Baby, das sie nie bekommen haben.

Meine Meinung

Als ich Ein Sommer am See auf der Webseite des Reprodukt Verlags entdeckt habe, war ich vom Klappentext sofort wie magisch angezogen. Ein 320 Seiten starker Comic über Teenies, die irgendwo zwischen dem Kind sein und Erwachsenalter hängen, sich selbst und die Welt um sie herum neu entdecken und dabei versuchen, einen Sommer wie jedes Jahr zu verbringen. Mich hat der Comic aufgrund seiner Tiefgründigkeit überzeugt, denn er verweilt nicht, wie so manch anderer Adoleszenzroman, an der pubertären Oberfläche der Figuren.

Windy ist meine Ferienfreundin, seit ich fünf war. Ihre Oma mietet immer ein Häuschen für sie und ihre Mom. Windy ist anderthalb Jahre jünger als ich. (S. 19)

Rose ist die Protagonistin der Geschichte und ca. 15 Jahre alt. Dass sie langsam erwachsen wird und keine Lust mehr auf die Spiele mit ihrer Ferienfreundin Windy hat, die immer noch gerne Sandburgen baut, wird schon zu Beginn der Geschichte deutlich. Rose ist nachdenklich, lächelt wenig, kann die Probleme, die ihre Eltern haben und die sich unweigerlich auf sie übertragen, selbst in den Ferien nicht so leicht vergessen. Roses Gefühlswelt wird kaum angesprochen, trotzdem wird sie durch die aussagekräftigen Zeichnungen thematisiert, sodass man als Leser das Gefühl hat, genau zu wissen, was Rose gerade bedrückt und empfindet. Rose findet im Gegensatz zu ihrer Freundin auch Jungs gar nicht mehr so blöd wie früher und lauscht gespannt den Gesprächen der Teenies aus dem Dorf, in denen es oft um Sex geht. Dass sie viel reifer ist, als so mancher der Jugendlichen, zeigt sich auch daran, dass sie Themen wie Homosexualität, Adoption, Sex und Schwangerschaft ernst nimmt.

Ein bisschen was weiß ich über Sex. Letztes Jahr mussten wir in Bio einen Fragebogen zum Thema Sex ausfüllen und ihn dann unseren Eltern zeigen. Dad fand’s lustig, dass ich Penis falsch geschrieben hab. (S. 66-67)

Rose muss in diesem Sommer nicht nur mit ihrer veränderten Gefühlswelt und Laune zurechtkommen, auch die Probleme ihrer Eltern wiegen schwer, denn der unerfüllte Wunsch ihrer Mutter nach einem zweiten Kind, zerstört zunehmend den Familienzusammenhalt. Ich habe den Konflikt zwischen Rose und ihrer Mutter mit sehr großem Interesse verfolgt, denn die Mutter vergiftet mit ihrer depressiven Stimmung die Ferien der Familie und gibt Rose gleichzeitig das Gefühl, als Einzelkind nicht auszureichen. Auch hier ist die Thematik sehr tiefgründig, denn auch Roses Vater sucht ein intensives Gespräch mit Rose und versucht ihr zu erklären, warum er die Familie eine Weile verlassen muss. Der Comic behandelt also einige schwierige Themen, die schon mal schwer auf einem Teenie-Gemüt lasten können, die hier aber toll aufgearbeitet werden.

„Das kommt bloß, weil es immer nach dir gehen muss. Du verdirbst allen die Stimmung. Ich wette, du willst immer noch ein Baby! Dad nämlich nicht, musst du wissen. Ich bin ihm genug.“ (S. 228-229)

Im Laufe der Geschichte ist schön dargestellt, wie die Interessen der beiden Freundinnen immer weiter auseinanderdriften und wie die beiden Mädchen jeweils damit umgehen. Während Windy die Jungs im Laden des Dorfes bescheuert findet, ihnen nachäfft und sich über sie lustig macht, kann Rose kaum den Blick von ihnen lassen, hängt ihnen an den Lippen und macht sich Gedanken über ihr Leben. Die Geschichte an sich läuft auf keinen grandiosen Höhepunkt hinaus, es geht vielmehr darum, einen einprägsamen Lebensabschnitt in der Entwicklung der Mädchen festzuhalten und durch großartige Zeichnungen zu visualisieren. Die Zeichungen des Comics sind sehr stimmungsvoll und ziehen den Leser in ihren Bann, obwohl sie ausschließlich in schwarzweiß gehalten sind.

Fazit & Bewertung

Ein Sommer am See ist eine Lektüre, die man so weglesen kann. Die Geschichte über zwei Mädchen, die in einem Sommer dem Erwachsenenleben ein Stück näher kommen, ist tiefgründig und einfühlsam. Auch wenn es keinen Höhepunkt und klaren Spannungsbogen gibt, ist die Geschichte so viel mehr: Sie ist still bedacht, magisch und mitreißend. Der Fokus liegt hier auf den detailreichen Zeichnungen, die sehr atmosphärisch sind und die Stimmung und die Gefühlswelt der Mädchen unglaublich gut einfangen.

Eure

Weitere Meinungen

Mütter werden wieder an die verwirrende Zeit der Pubertät erinnert und für Töchter wird der Vorhang der Erwachsenenwelt ein Stück weit zurückgezogen, in der Eltern keine Überwesen sind, sondern Fehler und Sorgen haben, die sie manchmal nicht vor ihren Kindern verbergen können. (Lesen… in vollen Zügen)


Bibliographie

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Mariko Tamaki & Jillian Tamaki: Ein Sommer am See*

Verlag: Reprodukt

Erscheinungstermin: 16.07.2015

ISBN: 978-3956400254

Seiten: 320

Preis: 29,00€

Vielen Dank an den Reprodukt Verlag für das Rezensionsexemplar**

 

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