Rezension

„Du wolltest es doch“ von Louise O’Neill

Du wolltest es doch von Louise O’Neill aus dem Carlsen Verlag ist ein aufwühlendes und vielfach preisgekröntes Buch mit einem unheimlich wichtigen, aber auch erschreckenden Thema: der Frage nach der Glaubwürdigkeit und Mitschuld von Vergewaltigungsopfern. Emma, die Protagonistin der Geschichte, muss sich diesen Anschuldigungen stellen und auf harte Weise erfahren, wie ihr Umfeld, ihre Freunde und ihre Familie an diesen Fragen zerbrechen. Ein Buch, das mich sehr berührt und nachdenklich gemacht hat und das jeder gelesen haben sollte.

Inhalt

Emma ist hübsch und das begehrteste Mädchen der Schule. Sie ist gerne auf Partys und nutzt ihr Aussehen, um Jungs herumzukriegen. Ihre Freundinnen beneiden sie. Doch eines Morgens nach einer Party wacht sie zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrer Haustür auf. Das letzte, woran sie sich erinnern kann ist, dass sie auf der Party mit Paul aufs Zimmer gegangen ist. Sie hatten Pillen eingeworfen und nachher waren noch die anderen Jungs hereingekommen. An mehr erinnert sie sich nicht, doch die ganze Schule weiß, was geschehen ist. Sie haben die Fotos gesehen. Ist sie selbst Schuld daran, was passiert ist?

Meine Meinung

Nachdem ich vor Kurzem den Titel Dieser Augenblick, erschreckend und schön aus dem Königskinder Verlag gelesen und mich damit schon dem Thema Vergewaltigung im Jugendbuch angenähert habe, wollte ich unbedingt mehr erfahren und Schicksale junger Frauen kennenlernen, die dasselbe furchtbare Erlebnis teilen. Auch in Du wolltest es doch geht es um eine junge Frau, deren Vergewaltigung eine besondere Brisanz dadurch erhält, dass sie sich an das Geschehen selbst nicht erinnern kann. Mich hat dieses Buch wahnsinnig erschüttert und ich war schockiert, wie schlimm auch diese Ungewissheit für das Opfer ist und wie sehr es ihr Leben komplett aus den Angeln hebt. Bitte beachtet, dass die folgende Rezension Spoiler enthalten könnte!

Blasse, schlaffe Arme und Beine, lange Haare, der Kopf ist nach hinten aufs Kissen gerollt. Die Fotos zeigen erst nur das Gesicht und arbeiten sich dann langsam den Körper hinab, halten auf dem nackten Fleisch inne.[…] Das bin nicht ich. (S. 155)

Emma ist keine Protagonistin, die man schnell ins Herz schließt. Obwohl sie nach außen hin, das nette, gutaussehende Mädchen ist, sind ihre Gedanken hingegen oft arrogant und selbstgefällig. Emmas Schönheit ist ihr bewusst, trotzdem gönnt sie auch ihren drei Freundinnen Maggie, Ali und Jamie kein Glück, will nicht, dass sie die heißen Typen abkriegen und will selbst von den festen Freunden ihrer Freundinnen bewundert und begehrt werden. Klar, dass das für viel Zündstoff in der Freundschaft der vier Mädchen sorgt. Trotzdem wandelt sich der Eindruck, den man als Leser zu Beginn von Emma erhält. Denn nach der Vergewaltigung ist alles anders. Emma ist nicht mehr das It-Girl Nr. 1 an der Schule, sondern ist auf einmal die Schlampe, die Nutte, die Hure, die sich an Jungs ranmacht, die eine Freundin haben. Vor allem dieser Wandel, Emmas charakterliche Veränderung, ihre offensichtlichen Angst und Depression haben mich dazu gebracht, ihre Figur mit anderen Augen zu sehen. Nämlich als Opfer und Leidtragende, deren Schicksal berührt und mit der man sich identifiziert. Die Emma nach der Vergewaltigung ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, und das ist das, was mich so sehr erschreckt und gleichzeitig gefesselt hat.

Wird jeder Tag gleich sein? Bitter schmeckende Träume, als hätte ich in eine Zitrone gebissen. Niederschmetternde Enttäuschung, wenn ich aufwache und feststelle, dass ich immer noch lebe, dass mein Herz immer noch schlägt, dass meine Lungen immer noch nach Atem ringen. (S. 324)

Die Kernfragen des Romans sind: Wie kann ein Vergewaltigungsopfer eine Tat bezeugen, an die es sich nicht erinnern kann? Und warum wird die Glaubwürdigkeit von Frauen selbst dann in Frage gestellt, wenn es eindeutige Beweise für eine Vergewaltigung gibt? Wie kann einem Opfer jemals gleichzeitig die Schuld für solch ein Verbrechen gegeben werden? Man sollte meinen, dass diese Fragen nicht schwer zu beantworten sind und trotzdem zeigt die Geschichte von Emma, wie gespalten die Gesellschaft auf sie reagiert. Dass es nämlich sehr wohl Menschen gibt, die eindeutige Beweise, wie in Emmas Fall die Fotos, in Zweifel ziehen. Die den Frauen, die Schuld geben, weil sie sich zu freizügig gekleidet, zu aufreizend gegeben und damit die Vergewaltigung erst provoziert hätten. Unglaublich, aber leider alltäglich. Nicht kurze Röcke und rotgeschminkte Lippen sind Schuld an einer Vergewaltigung, sondern die Vergewaltiger!

Eine Statistik am Ende des Buches Dieser Augenblick, erschreckend und schön zeigt:

  • 1 von 6 Frauen war schon Opfer einer versuchten oder erfolgten Vergewaltigung
  • Alle 98 Sekunden wird irgendwo ein Mensch Opfer sexueller Gewalt
  • 7 von 10 Vergewaltigungen finden im Bekanntenkreis statt
  • 2 von 3 Vergewaltigungen werden nicht angezeigt

Da ist sie (Flüstern, ein Stoß in die Rippen mit dem Ellenbogen). Das ist dieses Mädchen, die behauptet, sie wäre…du weißt schon.

Jetzt werde ich für immer „dieses Mädchen“ sein. (S.212)

Deswegen ist es so wichtig, ein Buch wie Du wolltest es doch zu lesen, fiktive Geschichten wie die von Emma publik zu machen, weil es genug Frauen gibt, die sich in ihnen wiederfinden. Die in ihnen Mut oder Trost finden. Über sexuelle Gewalt zu sprechen und sie nicht zu verharmlosen oder zu verschweigen, ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit und dieses Buch trägt sehr zu diesem Fortschritt bei!

Die Autorin hat es geschafft, ein hoch brisantes Thema für Jugendliche so aufzubereiten, dass es aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Teilweise drastisch und immer sehr nah an der Gefühlswelt der Protagonistin, schildert Louise O’Neill, wie sehr ein Leben durch solch eine Erfahrung zerstört werden kann. Gleichzeitig schafft sie es stets, leichte und einfach verständlich Worte zu finden, und damit jedem Leser gerecht zu werden. Obwohl mich das Ende überrascht und auch etwas unbefriedigt zurückgelassen hat, habe ich durch das Nachwort der Autorin deren Vorgehensweise in der Plot-Entwicklung sehr gut nachvollziehen können.

Fazit & Bewertung 

Du wolltest es doch hat mich sehr beeindruckt. Die Geschichte von Emma, die sich dem Vorwurf einer Mitschuld an ihrer Vergewaltigung ausgesetzt sieht und von ihren Mitschülern und ihren Freunden dafür verachtet wird, ist erschreckend und aufwühlend. Dieses Buch ist ein großartiger Schritt in die richtige Richtung, nämlich sexuelle Übergriffe nicht länger totzuschweigen, sondern endlich zu thematisieren. Gerade im Zeitalter der #metoo-Bewegung ist dieses Buch ein ganz bedeutendes!

Eure


Bibliographie

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Louise O’Neill: Du wolltest es doch*

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren

Verlag: Carlsen

Erscheinungstermin: 25.07.2018

ISBN: 978-3-551-58386-4

Seiten: 368

Preis: 18,00 €

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar**

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5 Kommentare zu „„Du wolltest es doch“ von Louise O’Neill

    1. Nein, es soll dir keine Angst machen. Ich kann dich nur ermutigen, es zu lesen, es ist erschreckend, aber am Ende geht man mit sehr viel mehr Weisheit als Angst aus dieser Geschichte!
      Liebe Grüße
      Svenja

  1. Hallo Svenja,

    ich denke dieses Buch sollte man wirklich gelesen haben. Einfach weil es soviele verschiedene Meinungen darüber gibt und weil wie Du sagst, das Thema in der Gesellschaft sensibiliert werden muss. Nicht das Opfer ist zu verurteilen, sondern der Täter. Leider gibt es wie so oft kein schwarz oder weiß, sondern das Thema ist eine einzige Grauzone.
    Wir brauchen mehr Bücher die wachrütteln.
    Viele Grüße
    Andrea

    1. Liebe Andrea,
      da hast du recht. Es ist wichtig, dass Bücher Themen ansprechen und öffentlich machen, die immer noch von vielen Teilen der Gesellschaft als Tabu angesehen werden. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch von vielen gelesen wird und dass diskutiert wird! Dass sehr viel diskutiert wird!
      Liebe Grüße
      Svenja

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