Rezension

„Das Tagebuch der Anne Frank“ von Ari Folman & David Polonsky

Es gibt Bücher, die sollte jeder in seinem Leben mindestens einmal, wenn nicht sogar öfter gelesen haben. Das Tagebuch der Anne Frank zählt zu jenen Werken, die die Jahrhunderte überdauern und nie an Aktualität und Beliebtheit verlieren werden. Umso grandioser finde ich die Idee, die Geschichte von Anne und ihrer Familie nun auch einer neuen Generation junger Leser zugänglich zu machen, und zwar in Form eines Graphic Diarys.

Inhalt

Anne Frank musste als Kind jüdischer Eltern im Jahr 1933 mit ihrer Familie vor den Nazis nach Amsterdam fliehen. Nachdem die Naziarmee die Niederlande überfallen und 1942 verschärfte Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung eingeführt hatte, sah sich die Familie Frank gezwungen unterzutauchen und versteckte sich mit Freunden in einem Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht. Anne führt in den zwei darauffolgenden Jahren Tagebuch über das Leben im Hinterhaus und schafft es damit, auf einzigartige Weise, die Angst und Hoffnungslosigkeit der jüdischen Menschen unter dem Naziregime, aber auch die Träume und Gedanken eines jungen, heranwachsenden Mädchens zu beschreiben.

Meine Meinung

Erst vor kurzer Zeit habe ich zum ersten Mal das Anne Frank Tagebuch gelesen. Annes Geschichte hat mich so beeindruckt und gleichzeitig so mitgenommen, dass ich unbedingt mehr über dieses Mädchen und ihre Familie erfahren wollte. Ich konnte es kaum ertragen, als Annes Tagebuch abrupt endet und es im Nachsatz heißt, dass Anne und ihre Familie nach Ausschwitz deportiert wurden. Annes Tod kann nicht genau datiert werden, doch sie hat über ein halbes Jahr im Konzentrationslager gelebt und ist schließlich im März 1945 in Bergen-Belsen verstorben.

Ich habe mir daraufhin eine Biografie von Anne Frank durchgelesen, in der ihr Schicksal nach der Deportation durch Augenzeugenberichte rekonstruiert wird.  Ich war schockiert, was aus dem intelligenten und herzlichen Mädchen am Ende geworden war. Vor dem Hintergrund stürze ich mich seitdem auf alles, was über sie geschrieben wird und das ist auch der Grund weshalb ich Feuer und Flamme war, als ich hörte, dass die Geschichte nun in völlig neuer Form, als Graphic Diary, erscheinen sollte. Und ich wurde in meinen hohen Erwartungen nicht enttäuscht! Ari Folman und David Polonsky haben Annes Geschichte so lebendig und eindrücklich in Schrift und Bild umgesetzt, dass man sich als Leser unmittelbar in ihre Welt hineinversetzt fühlt. Für mich ist Das Anne Frank Tagebuch ein Meisterwerk und für euch hoffentlich bald ein Stichpunkt auf eurer Wunschliste.

„Es dauerte eine Weile, bis ich in der Lage war, dir zu schreiben. Dabei will ich dir unbedingt alles erzählen… Es wird dich vermutlich interessieren, wie es mir als Untergetauchter so gefällt.“ (S. 24)

Ich habe vor in meiner Rezension weniger auf die Geschichte selbst zu schauen, sondern eher die Aufmachung des Buches in den Blick zu nehmen und mir anzusehen, wie es den Machern gelingt, Annes Geschichte lebendig werden zu lassen.

Die Illustrationen des Graphic Diarys erinnern mich auf dem ersten Blick an Hergés Tim und Struppi-Comics. Wer sich ein bisschen für Zeichenstile im Comic interessiert, hier ein kleiner Exkurs: Hergé Zeichenstil war maßgeblich für die Einführung einer neuen Stilrichtung im Comic, der Ligne Claire. Kennzeichnend für die Ligne Claire sind präzise Konturen und einfarbige Kolorierungen, die auch in  Das Tagebuch der Anne Frank in ähnlicher Weise Anwendung finden. Mir hat der Zeichenstil sehr gut gefallen, denn er ich mag die klaren Abgrenzungen der Farben, die den Comic sehr strukturiert und übersichtlich wirken lassen. Ich finde, dass gerade das auch sehr gut zu Annes Charakter passt, der im Laufe der Geschichte immer klarer in den Vordergrund rückt: Sie ist gewissenhaft und gebildet. Sie mag es, ihr Leben, das nach ihrem Untertauchen so völlig aus den Fugen geraten ist, durchs Tagebuchschreiben wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Ach, mir kommt so viel hoch, wenn ich abends allein bin, auch tagsüber, wenn ich die Leute aushalten muss, die mir zum Hals heraushängen oder meine Absichten immer verkehrt auffassen. Letztlich komme ich deshalb immer wieder auf mein Tagebuch zurück, das ist mein Anfang und mein Ende, denn Kitty ist immer geduldig.“ (S. 87)

Das Buch ist aber nicht ausschließlich panelartig gestaltet, sondern es werden verschiedene Elemente genutzt, um Annes Gedanken so anschaulich wie möglich rüberzubringen. Es gibt zum Beispiel ganzseitige Zeichnungen, Panels, die keine klare Umrandung haben und die mit den Stegen (den weißen Zwischenräumen zwischen den Zeichnungen) verschmelzen. Es gibt Doppelseiten, auf denen ganze Textauszüge aus dem Originaltagebuch abgedruckt werden, und Verweise auf Kunstgemälde oder Symbole, die mit Annes Äußerungen im Tagebuch in Verbindung gebracht werden. Wie ihr herauslesen könnt, bin ich von der wunderbar abwechslungsreichen und kreativen Bearbeitung des Stoffes begeistert, denn man erlebt Annes Geschichte aus einer anderen Perspektive und dadurch völlig neu.

„In Westerbork muss es schrecklich sein. Die Menschen bekommen fast nichts zu essen, geschweige denn zu trinken. Sie haben nur eine Stunde pro Tag Wasser und ein Klo und ein Waschbecken für tausend Menschen… Wir nehmen an, dass die meisten Menschen in den weit entfernten Lagern ermordet werden. Der englische Sprecher spricht von Vergasungen. Vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben. (S. 41)

Besonders zum Ende hin merkt man der Gestaltung des Buches an, dass sich Annes Gedanken verdüstern. Sie wird ausschweifender, melancholischer und schwermütig. Die Autoren und Illustratoren des Graphic Diarys sind dem so begegnet, dass sie die eindrücklichsten Textpassagen aus dem Tagebuch komplett übernommen haben. Trotzdem war ich überrascht, wie toll sie an manchen Stellen für Annes trübselige Stimmung noch zeichnerisch Ausdruck gefunden haben! Als Leser kann man dadurch wunderbar in Annes Gemüt abtauchen und sich von ihren Schilderungen beeindrucken oder betrübt stimmen lassen. Was in jedem Fall gelingt: Annes Geschichte wird aufs neue lebendig!

Fazit & Bewertung

Das Tagebuch der Anne Frank von Ari Folman und David Polonsky ist eine neue Form der Graphic Novel, in dem auf einzigartige Weise Anne Franks Leben im Hinterhaus darstellt wird. Ich war von der Comic-Adaption begeistert und hoffe, dass sich viele weitere Leser durch dieses Buch berufen fühlen, sich mit Anne Franks Schicksal und ihren Erlebnissen als Untergetauchte im zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen.

Eure

Weitere Meinungen

„Eine eindringliche Geschichte, sehr gut zusammengefasst und wunderbar gezeichnet. Eine ganz besondere Graphic Novel, die hoffentlich auch jüngeren Lesern zeigt, welche Zeiten wir niemals wieder anbrechen lassen dürfen.“ (Papiergeflüster)

„Für Fans von Anne Franks Tagebuch, für Klassiker-Liebhaber und Graphic Novel Fans ist dieses Buch ein absolutes Muss und eine schöne Ergänzung, zum Buch im Original.“ (Miss Foxyr reads)

„[Anne Frank] beeindruckte mich durch einen Weitblick, ihre Sicht auf die Welt, ihre schonungslose Ehrlichkeit und Selbstreflexion.“ (Trallafittibooks)


Bibliographie

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Ari Folman & David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank*

Verlag: S.Fischer

Übersetzer: Mirjam Pressler, Klaus Timmermann, Ulrike Wasel

Erscheinungstermin: 05.10.2017

ISBN: 978-3-10-397253-5

Seiten: 160

Preis: 20,00 €

 

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16 Kommentare zu „„Das Tagebuch der Anne Frank“ von Ari Folman & David Polonsky

  1. DIE GRAPHIC NOVEL SIEHT UNGLAUBLICH SCHÖN GESTALTET AUS. Der Stil und die Art und Weise, wie Anne Franks Geschichte erzählt wird, scheint genau das zu sein, was ich gerne einmal lesen würde. Danke für die schöne Rezension!

    1. Hey! Vielen lieben Dank, ich finde die Umsetzung auch wirklich klasse und der Zeichner und Texter fangen so schön Annes Gedanken- und Gefühlswelt ein! Liest du gerne Graphic Novels? Dann kann ich dir diesen nur ans Herz legen!
      Liebe Grüße
      Svenja

  2. Liebe Svenja,
    es freut mich sehr, dass dir die Umsetzung auch so gut gefallen hat.
    Auch ich finde, dass jeder dieses Buch oder die Graphic Novel gelesen haben sollte.
    Es ist echt cool, dass dadurch sicherlich auch jüngere Leser angesprochen werden.

    Danke fürs Verlinken!

    Liebe Grüße,
    Nicci

    1. Liebe Nicci,
      danke die ebenfalls 😍! Ich hatte deine Rezension schon vor längerem gelesen, die hat mir richtig Lust auf das Buch gemacht, abgesehen davon, dass ich eh alles über Anne Frank verschlingen. Schön, dass es dir auch so gut gefallen hat.
      Liebe Grüße,
      Svenja

  3. Hallo Svenja,
    ich hab das Buch auch schon öfter in der Buchhandlung gesehen und überlegt ob ich es mir kaufen soll. Eigentlich wollte ich erstmal das Tagebuch selbst lesen. Deine Rezension klingt aber nach einem sehr stimmungsvollem Buch und wahrscheinlich werde ich es beim nächstem Mal doch kaufen.
    Ari Folman kenne ich sonst von dem Animationsfilm Waltz with Bashir, bei dem der Libanonkrieg behandelt wird. Den Film mochte ich sehr, fand aber die gleichnamige Graphic Novel nicht so gut.
    Viele Grüße
    Sven

    1. Lieber Sven,
      den Animationsfilm kenne ich bisher leider nicht, aber er klingt sehr interessant! Wenn du die Zeit hast, würde ich dir auf jeden Fall empfehlen, das Tagebuch zuerst zu lesen und dann den Graphic Novel. Natürlich ist die Atmosphäre und die Stimmung von Annes Aufzeichnungen super umgesetzt, sie können trotzdem nicht ganz ersetzen, was Anne in ihrem Tagebuch zum Ausdruck bringt. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du mirdann schreibst, wie es dir gefallen hat :)
      Liebe Grüße
      Svenja

  4. Ich finde es super spannend, dass dieses Buch als Graphic Novel adaptiert wurde. Ich persönlich hätte nämlich nicht unbedingt gedacht, dass das funktioniert, weil es eben mehr um Gedanken geht als um Handlungen, aber deine Rezension zeigt, dass man das doch gut umsetzen kann. Das Buch ist wirklich sehr wichtig und durch diese Version findet es sicher noch mehr Leser, was ich super finde.

    1. Liebe Jacquy!
      Genau das finde ich auch, es ist wichtig, dass die Geschichte von Anne Frank weiterlebt, in welcher Form auch immer. Und die Umsetzung ist wirklich Klasse!
      Liebe Grüße
      Svenja

  5. Hallo Svenja
    Ja, Anne Frank ist so ein Klassiker. Den ich leider bisher noch nicht gelesen habe. Ich muss das gleich mal auf meiner Wunschliste vermerken jetzt, denn es ärgert mich selbst, dass ich es noch nicht gelesen habe.
    Obwohl ich die andere Umsetzung als Graphic Novel eine sehr tolle Idee finde und es sicherlich auf diese Weise ein grösseres Zielpublikum erreichen kann, würde ich die klassische Version für mich bevorzugen. Vielleicht das Alter – keine Ahnung :D
    LG, Tabea

    1. Hey Tabea,
      ich würde in jedem Fall auch erst einmal die klassische Buchversion bevorzugen, obwohl der Graphic Novel wirklich gut gemacht ist. Trotzdem kann man in Annes richtigem Tagebuch mehr in ihre Welt und ihre Ansichten eintauchen, als das im Graphic Novel möglich ist! Ich würde mir wünschen, dass durch den Graphic Novel wieder viel mehr Menschen dazu kommen, das richtige Tagebuch zu lesen, und wenn sie nur den Graphic Novel lesen, dann ist das auch super! Hauptsache, ihre Geschichte wird weitergetragen und erreicht immer neue Generationen von Lesern!
      Liebe Grüße
      Svenja

  6. Hallo liebe Svenja,
    ich muss gestehen, ich habe das Buch noch nicht gelesen – es steht aber seit Jahren auf meiner Wunschliste und du hast mein Interesse gerade wieder geweckt. Eigentlich wäre die Graphic Novel eine wunderbare Gelegenheit dies endlich zu ändern, gerade wenn die Textpassagen aus dem Tagebuch unverändert eingebaut wurden. Würdest du mir zu Anfang eher die Graphic Novel oder doch das Buch empfehlen? :)

    Liebste Grüße und einen tollen Samstagabend wünsche ich dir,
    Nadine

    1. Liebe Nadine,
      ich würde dir für den Einfach tatsächlich das richtige Tagebuch empfehlen, einige Textpassagen sind zwar in den Graphic Novel eingebaut (gerade zum Ende hin, als Anne immer philosophischer und ernster wird), das hat mir auch sehr gut gefallen, reicht aber nicht aus, um komplett inAnnes wunderbare Schreibweise einzutauchen. Ich würde an deiner Stelle das Tagebuch lesen und mir dann die Graphic Novel als Adaption anschauen. Jüngere oder nicht so erfahrene Leser können direkt mit dem Graphic Novel starten, denn teilweise ist Annes Tagebuch auch langatmig, aber echte Leseratten wie wir sollten das Tagebuch mindestens einmal im Leben gelesen haben :) Das ist meine Empfehlung für dich!
      Liebe Grüße
      Svenja

      1. Ja, das habe ich mir schon gedacht und ist bei dem Thema auch völlig verständlich. Auch wenn mich die Graphic Novel und deine tolle Rezension natürlich schon reizen. Danke für deine Einschätzung, ich sollte es mir wirklich mal zulegen und lesen!

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