Rezension

„Liebe und der erste Blick“ von Josh Sundquist

Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, blind zu sein? Will Porter ist sechzehn Jahre alt und von Geburt an blind. Wie er seine Welt wahrnimmt und mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hat, das beschreibt Josh Sundquist auf einzigartige Weise in seinem Roman Liebe und der erste Blick. Dieses Buch hat mich fasziniert und gleichzeitig unheimlich viel darüber gelehrt, was es bedeutet, die Welt zum ersten Mal mit eigenen Augen zu sehen.

Inhalt

Zum ersten Mal auf eine normale Schule gehen! Das ist für den sechzehnjährigen Will Porter eine ganz neue Erfahrung, denn er ist von Geburt an blind. Obwohl er ‚anders‘ ist und versehentlich die Damentoilette besucht, oder sich auf jemandes Schoß niederlässt, findet er schnell Freunde. Auch Cecily, seine Partnerin im Journalismus-Kurs, wird für Will mehr als nur eine gute Freundin. Als er die Möglichkeit bekommt, sich einer neuartigen Operation zu unterziehen, die ihm sein Augenlicht schenken könnte, muss Will sich entscheiden: Will er das Risiko der OP eingehen, um dann vielleicht vom Aussehen der Welt enttäuscht zu sein?

Meine Meinung

Schon lange stand Liebe auf den ersten Blick auf meiner Wunschliste. Die Idee eine Geschichte aus der Sicht eines blinden Jungen zu schreiben, hat mich sofort angesprochen, denn schon immer fand ich es interessant, wie Menschen ohne Augenlicht die Welt um uns herum wahrnehmen, wie wichtig ihre anderen Sinne für sie sind und ob sie sich überhaupt vorstellen können, wie die Welt aussieht. Josh Sundquist hat mich mit seiner Geschichte so dermaßen gefesselt, dass ich das Buch innerhalb von zwei Tagen gelesen hatte und allen in meinem Bekanntenkreis von meinen neuen Erkenntnissen über Blindheit erzählt hatte. Eine wirklich fesselnde Geschichte über die Höhen und Tiefen im Leben eines blinden Jungen, der zum ersten Mal sehen kann.

Der Held der Geschichte, Josh, ist ein ziemlich cooler Typ. Auf der Schule für Blinde war er beliebt und ein oder zwei Mal hatte er sogar schon eine Freundin. Doch auf der Schule für Blinde war er unter Gleichgesinnten, jetzt, auf seiner neuen Schule, einer ganz normalen amerikanischen High-School, muss Josh lernen, mit sehenden Kids umzugehen, die ihn teilweise als Freak betrachten. Doch Josh ist nicht, wie man nun vermuten könnte, ängstlich oder eingeschüchtert, nein, er hat für jede Situation einen passenden Spruch auf Lager. Ich habe Josh von Anfang an für seine Unerschrockenheit und kessen Sprüche bewundert und musst oft grinsen, wenn er Menschen, die mit sich ihm gegenüber komisch verhalten, den Wind aus den Segeln nimmt. Josh ist witzig und weiß, wie er mit seiner Behinderung umzugehen hat, genauso weiß er Leute anzupacken, die meinen, ihn bevormunden zu müssen oder unüberlegte Äußerungen von sich zu geben. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft Menschen Blinden gegenüber ins Fettnäpfchen treten können!

Auf dem Weg zur dritten Stunde fragt mich Mr Johnston, warum ich keine Sonnenbrille trage. „Wie meinen Sie dass?“, frage ich schnell und stelle mich dumm. „Na ja, weißt du, viele Leute in deinem, ähm Zustand tragen eine. Vielleicht reagiert ihr empfindlich auf Sonnenlicht?“ „Ich glaube, da verwechseln Sie uns mit Vampiren.“ (S. 19)

Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Josh erzählt ist, taucht man als Leser sehr schnell in seine Gefühls- und Gedankenwelt ein. Es ist wahnsinnig spannend zu erleben, wie Will mit seiner Umgebung zurechtkommt, ohne überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, wie sie aussehen könnte. Er verlässt sich hauptsächlich auf seinen Tast- und Hörsinn, erkennt die Menschen schon an ihren Schritten, ertastet seine Wege und prägt sie sich für das nächste Mal ein. Faszinierend fand ich, wie viel ausgeprägter seine anderen Sinne sind, auf die er sich „blind“ verlassen kann. Doch Wills größtes Problem ist nicht seine Blindheit, sondern dass er sich auf die Hilfe anderer Menschen verlassen muss. Und das ist im Vergleich zur Blindheit seine größte Enttäuschung im Leben. Natürlich weiß man, dass Blinde auf Menschen angewiesen sind, die ihnen bei den kleinsten und einfachsten Dingen im Alltag helfen. Trotzdem war es für mich überraschend und oftmals völlig neu, in welchen kleinen und unbedeutenden Dingen Will als Blinder Hilfe benötigt, andere dagegen jedoch spielerisch leistet.

Hier bestimme ich. Ich bin schnell, und ich fahre ein großes, schweres Fahrzeug, und es fühlt sich großartig an. Es bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit und Kontrolle, nicht nur über mich selbst, sondern über etwas, das viel größer ist als ich. (S. 150)

Bei Liebe und der erste Blick handelt es sich um keinen Roman, der melancholisch ist und zu Tränen rührt. Trotzdem macht die Geschichte einen nachdenklich und oft auch bedrückt. Als Will die Möglichkeit erhält, sich einer OP zu unterziehen, um wieder sehen zu können, hat mich die Geschichte sehr mitgenommen. Man hofft mit Will und wünscht es ihm so sehr, endlich seiner große Liebe in die Augen blicken zu können (ach ja, eine tolle Liebesgeschichte gibt es auch!). Trotzdem hat man ständig die Risiken im Kopf, die eine solche OP birgt. Ich muss auf diesem Wege dem Autor ein riesiges Lob dafür aussprechen, wie detailliert und dennoch verständlich er die verschiedenen Episoden der Behandlung beschrieben und wie gründlich er zu dem Thema recherchiert hat. Auch im Nachwort erklärt er sehr schön, wie er sich dem Thema Blindheit angenähert hat, welche Erfahrungsberichte ihn inspiriert und fasziniert haben. Und genau das merkt man dem Roman an, denn es kommt einem vor, als ob ein Blinder seine Lebensgeschichte niedergeschrieben hat, in der er seine Erfahrungen verarbeitet. Mich hat es absolut begeistert!

Ich wollte frei sein und die gewundene Regenbogenstraße des Lebens hinunterlaufen. Ich war vielleicht nicht in der Lage, die Farben wahrzunehmen, wie andere es taten, aber ich glaubte trotzdem, dass ich es schaffen könnte. (S.41)

Ihr dürft euch den Roman nun aber nicht als deprimierende Abhandlung über die Leiden eines Blinden vorstellen. Es ist ein Teenie-Roman, in dem auch normale Dinge wie die erste Liebe, der erste Kuss, Freundschaft, Schule, Freizeit und Träume eine große Rolle spielen. Will will zum Beispiel Journalist werden und gibt alles dafür, seinen Traum zu verwirklichen. Da ich nun die anderen Figuren der Geschichte ein wenig außen vor gelassen habe, hier nur eine kurze Zusammenfassung: Neben Will spielt Cecily, ein Mädchen aus seinem Journalismus-Kurs eine große Rolle in der Geschichte und auch für Will. Cecily ist eine spannende Figur, denn als Leser merkt man schnell, dass sie ein Geheimnis verbirgt. Für Will ist Cecily wie ein Anker, in einer ihm unbekannten Welt, sie zeigt ihm Dinge, die ihm bislang Verborgenen geblieben sind, oder die ihm noch nie jemand erklärt hat, einfach aus dem Grund, weil man als Sehender nicht weiß, das Blinde sie nicht verstehen! Hier geht es um Tiefenwahrnehmung, um Perspektive oder um Farben. Diese zarte Liebesgeschichte, die so durchaus realistisch und anrührend ist,  rundet den Roman meiner Meinung nach toll ab.

Fazit & Bewertung

Wie ihr seht, bin ich begeistert! Liebe und der erste Blick von Josh Sundquist hat mich vollkommen in seinen Bann gezogen und mir Dinge über die Welt der Blinden gelehrt, die ich so nie für möglich gehalten hätte. Die Geschichte über den blinden Josh, der nach einer OP die Welt das erste Mal mit eigenen Augen sieht, ist anrührend und witzig und eine absolute Leseempfehlung!

Eure


Bibliographie

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Josh Sundquist: Liebe und der erste Blick*

Altersempfehlung: Ab 12 Jahren

Verlag: Fischer

Erscheiungstermin: 25.01.2018

ISBN: 978-3733503581

Seiten: 320

Preis: 9,99 €

 

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11 Kommentare zu „„Liebe und der erste Blick“ von Josh Sundquist

  1. Das Buch sagte mir bisher gar nichts, aber schon die Inhaltsangabe hat mich überzeugt. Die Geschichte klingt super interessant. Freut mich dass es die Erwartungen erfüllen konnte, bei mir steht es jetzt auf der Wunschliste :)

    1. Liebe Jacquy!
      Danke! Es freut mich, dass sich das Buch genauso anspricht wie mich! Ich fand die Geschichte einfach wahnsinnig interessant die Perspektiven eines Blinden zu erleben! Ich kann es dir nur empfehlen!
      Liebe Grüße
      Svenja

    1. Liebe Nicci,
      meistens sagt das Fazit ja auch schon sehr viel aus:) Die Perspektive in diesem Buch war wirklich interessant, ich würde mich freuen, wenn du es auch liest:)
      Liebe Grüße
      Svenja

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