Rezension

„Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel

Hey ihr Lieben!

Heute stelle ich euch ein Buch vor, von dem viele von euch vermutlich schon gehört, es aber vielleicht noch nicht gelesen haben. Rico, Oskar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel ist mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden, wurde verfilmt und ist an vielen Schulen fester Bestandteil des Deutschunterrichts. Die außergewöhnliche Geschichte über die Freundschaft zwischen dem leicht behinderten Rico und seinem Freund Oskar, hat mich sehr beeindruckt. Rico, Oskar und die Tieferschatten ist so intelligent wie humorvoll und nicht nur für junge Leser eine Bereicherung!

Inhalt

Rico ist tiefbegabt. Das bedeutet nicht, dass er dumm ist, er kann sich nur Dinge schlecht merken. Wo rechts oder links ist zum Beispiel. Und etwas langsamer beim Denken ist er auch. Aber das macht Rico nichts aus, denn in seinem Zuhause in der Diffe, einem Wohnblock mitten in Berlin, kennen ihn die Nachbarn gut. Einige sind sehr nett zu ihm, andere weniger. Rico liebt es sich die Wohnungen seiner Nachbarn anzusehen und verbringt gerne seine Zeit bei Frau Dahling nebenan oder bei Herrn Westbühl – oder hieß er Ostbühl?  – im Stockwerk über ihnen. Als Rico zufällig auf Oskar trifft, hat er zum ersten Mal einen richtigen Freund. Doch Oskar verschwindet plötzlich spurlos. Rico weiß, dass seinem Freund etwas zugestoßen sein muss und begibt sich auf eine Suche quer durch Berlin.

Meine Meinung

Ich bin auf Rico, Oskar und die Tieferschatten durch ein Kinder- und Jugendbuch-Seminar an der Uni aufmerksam geworden und war sofort angetan von der Geschichte. Bis ich das Buch dann vollständig gelesen hatte, ist zwar ein bisschen Zeit vergangen, aber nun bin ich umso begeisterter von Andreas Steinhöfel und seinem Talent, mit viel Einfühlungsvermögen die besondere Perspektive eines geistig behinderten Kindes einzufangen.

Rico hebt sich als Protagonist der Geschichte deutlich von anderen Figuren im Kinder- und Jugendbuchgenre ab. Denn Rico ist tiefbegabt, wie seine Mutter seine Behinderung liebevoll benannt hat. Er ist weder schlau, noch kann er sich Dinge besonders gut merken. Diese angeblichen Fehler sind es, die ihn als Kinderbuchfigur zu etwas Besonderem machen. Rico ist von Beginn an unglaublich sympathisch und witzig. Für ihn spielen kleine Dinge eine große Rolle. So wie die Fundnudel, die er vor seinem Wohnhaus auf der Straße aufliest oder die Filme, die er mit seiner Nachbarin gemütlich gemeinsam auf dem Sofa schaut. Obwohl Rico keine Fremdwörter versteht und er auf eine Förderschule geht, sind seine Gedanken oft sehr weise. Ihnen lauscht man als Leser permanent, denn die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive wie eine Tagebuchaufzeichnung geschrieben.

Mir fiel ein Unterschied zwischen uns auf: Ich habe fast dauernd gute Laune, weiß aber nicht viel. Oskar wusste jede Menge merkwürdiger Dinge, aber seine Laune war im Keller. Bestimmt ist das so, wenn man sehr schlau war – es fallen einem zu schönen Sachen auch gleich noch ein paar schreckliche ein. (S. 68)

Oskar ist im Gegensatz zu Rico hochintelligent. Deswegen sieht er an jeder Ecke Gefahren für sein Leib und Leben und trägt zum Schutz zu jeder Tageszeit einen Motorradhelm auf dem Kopf. Als sich Rico und Oskar begegnen, treffen Welten aufeinander. Wahnsinnig witzig ist dabei, dass beide einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Bildung oft missverstehen, aber sie trotzdem auf Anhieb befreundet sein möchten. Nicht selten habe ich laut gelacht, wenn Rico und Oskar sich miteinander unterhalten.

„Kennst du Miss Marple“, fragte ich. „Nein. Wohnt die auch hier im Haus?“ Ha, das war die Gelegenheit, ihn ein bisschen zu verspotten. (S. 74)

Abgesehen von Ricos abwechslungsreichem Alltag in seinem Wohnblock in der Diffe, macht die Geschichte um Rico und Oskar auch nachdenklich. Ich fand es gut, dass in einem Kinderbuch die Probleme einer sozial schwachen Familie nicht unangesprochen bleiben. So muss Ricos Mutter für ihren Unterhalt nachts in einer Bar arbeiten und macht sich gerne für die Männer, die ihr dort begegnen, zurecht. Was seine Mutter genau dort macht, weiß Rico nicht und bleibt auch weitestgehend für den Leser im Dunkeln. Trotzdem hat mir das Thema im Buch sehr gut gefallen, denn Kinder in der Mittel- oder Unterschicht der Gesellschaft kennen ähnliche Probleme von zu Hause und können sich mit Rico deswegen gut identifizieren.

Ich kann es überhaupt nicht ertragen, wenn Mama weint. Die Welt wird dann so dunkel, als hätte der liebe Gott das Licht ausgeknipst. (S. 100)

Die Geschichte birgt aber, neben den witzigen und nachdenklich machenden Themen, auch ziemlich viel Spannung! Ein Kindesentführer treibt nämlich seit Monaten in Berlin sein Unwesen und Rico verfolgt gespannt jeden Abend die Neuigkeiten im Fernsehen. Andreas Steinhöfel schafft es die Gefahr dabei in seiner Geschichte nicht zu beschönigen oder abzuschwächen, sondern mutet seinen jungen Lesern genug zu, mit dem Thema Entführung, zurechtzukommen. Selbst für mich war die Geschichte bis zu einem gewissen Grade unvorhersehbar und sehr packend!

Aus den dreckigen, feuchten Wänden ringelten sich schleimtriefende Würmer nach draußen, und das Stöhnen gemarterter Seelen aus den Folterkammern unter den tiefen Kellern bohrte sich mit spitzen Krallen in mein Trommelfell. (S. 186)

Sprachlich ist Andreas Steinhöfel seinem jungen Publikum mehr als gerecht geworden. Ehrlich und einfühlsam beschreibt er Ricos Welt und lässt den Leser mühelos ein Teil von ihr werden. Der Tagebuchstil und die Perspektive des Buches haben mir besonders gut gefallen. Zusätzlich werden die einzelnen Kapitel von Notizen über Fremdwörter von Rico ergänzt, was die Geschichte schön auflockert.

Fazit & Bewertung

Rico, Oskar und die Tieferschatten ist ein kleines Meisterwerk des Genres Kinder- und Jugendbuch. Mit unglaublichem Einfühlungsvermögen hat Andreas Steinhöfel die Welt aus der Sicht eines leicht behinderten Kindes geschildert und seine Leser für sie fasziniert. Die Geschichte zeigt, dass es nicht darauf ankommt, wie schlau man ist, sondern wie viel Mut man hat und dass es wichtig ist Freunde zu finden, für die es sich lohnt mutig zu sein. Rico, Oskar und die Tieferschatten ist die witzige und zugleich spannende Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, die es zu Lesen lohnt!

Eure

Weitere Bände


Bibliographie

*(Werbung)

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten*

Altersempfehlung: Ab 10 Jahren

Verlag: Carlsen

Erscheinungstermin: 21.03.2011

ISBN: 978-3-551-55551-9

Seiten: 224

Preis: 14,99 €

Was habt ihr schon von Andreas Steinhöfel gelesen?

13 Kommentare zu „„Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel

  1. Sehr schöne und liebevolle Besprechung des Buches! <3 Es ist auch wirklich großartig, ich liebe es auch. Und die beiden folgenden Bände. :)

    Weißt du was – ich beneide dich ein bisschen darum, dass du Band 2 und 3 noch vor dir hast! Nichts ist schöner, als tolle, sympathische Figuren zum ersten Mal auf ihrer Reise durch neue Geschichten zu begleiten, finde ich.

    Den Link zur Vorschau auf den bald erscheinenden Weihnachtsband kopiere ich hier auch mal noch rein. Ich freue mich schon so drauf! :)
    https://www.lesetraeumchen.de/vomhimmelhoch/

    Liebe Grüße
    Jennifer

    1. Liebe Jennifer!
      Das ist ja lieb von dir! Ich wusste noch gar nicht, dass auch ein Weihnachtsbuch von Rico und Oskar erscheint! Wie schön! Ja, ich freue mich auch auf die nächsten Bände, aber auch sie werden schnell vorbei sein und dann wird die Reihe leider nicht fortgesetzt, wie ich schon erfahren habe. Aber Bücher, die einen auf die Reise geschickt haben oder deren Charaktere einem besonders gefallen haben, kann man ja Gott sei Dank immer wieder lesen und sie werden einen jedes Mal erneut begeistern :)
      Liebe Grüße
      Svenja

  2. Liebe Svenja,

    jaaa, aber die Bände 2 und 3 sind gaaanz dick und du musst dich halt zwingen, ein bisschen langsamer zu lesen, um länger davon zu haben. ;)

    Was es sonst noch gibt (und wovon es noch mehr geben wird): die Comicbände zu den Trickfilmen von Rico und Oskar bei „Die Sendung mit der Maus“. Das sind natürlich keine langen Geschichten, aber es sind neue. :)
    https://www.lesetraeumchen.de/2017/02/28/gelesen-andreas-steinh%C3%B6fel-rico-oskar-fische-aus-silber/#commentsModule13335525332

    Liebe Grüße! Wir lesen uns spätestens wieder zu den Besprechungen der Weihnachtsgeschichte! :))
    Jennifer

    1. Liebe Jennifer,

      genau das habe ich auch schon gesehen, dass sie dicker sind :) Umso besser!!! Ich lese ganz langsam, versprochen :D Ich freue mich schon, wenn wir uns zum Weihnachtsband dann wieder lesen ( dauert ja so lange nicht mehr bis Weihnachten) :) Trickfilm-Bücher finde ich meistens nicht so toll, so ging es mir zumindest auch bei den „4 1/2 Freunden“ aus dem Thienemann-Verlag. Hier wurde für den Zeichentrickfilm eine Figur umbenannt und das dann auch in den Folgebüchern beibehalten. Ich fand, das ging gar nicht. Gut, bei Rico und Oskar dürften sie sich so etwas nicht erlaube…. aber trotzdem. Ich bin gespannt :)
      Liebe Grüße
      Svenja

  3. Liebe Svenja,

    ne, das dauert nicht mehr so lange … in genau vier Monaten ist schon Silvester!! Waah! ;)

    Also, diese Trickfilmbücher sind super süß, finde ich. Es ist ja auch ein Foto von Innenseiten in meinem Blogpost drin; also wirklich goldige Illus, ganz wie in den Büchern.

    Ich will dich ja nicht mit Links vollspammen, aber ich habe – angeregt durch deine Buchbesprechung – mal wieder meine „Odu an Rico und Oskar“ gelesen – da ist wirklich meine ganze Liebe zu den beiden Kerlchen drin. :)
    https://www.lesetraeumchen.de/2016/07/28/odu-an-rico-und-oskar-eine-liebeserkl%C3%A4rung/

    Wir können uns ja auch vor dem Weihnachtsband mal austauschen, wenn du die anderen Bände liest oder gelesen hast. Aber vorher wünsch ich dir erstmal ganz, ganz viel Spaß damit!! <3

    Viele liebe Grüße!
    Jennifer

    1. Liebe Jennifer!
      Du spamst nicht, ich bin für jeden Link und Tipp dankbar :) Ja, das können wir gerne machen! Oder ihn gemeinsam lesen? :)
      Liebe Grüße
      Svenja

  4. Liebe Svenja,

    oja, das ist eine süße Idee! :) Noch ein knapper Monat, bis das Buch erscheint *hibbel*!
    Lass uns auf jeden Fall in Kontakt bleiben! :*

    Liebe Grüße
    Jennifer

  5. Hi Svenja!
    Vor ein paar Wochen hab ich mit meiner kleinen Cousine und dem kleinen Cousin den Film zu diesem Buch geschaut und war absolut begeistert, von den Charakteren, dem Setting, den Ideen mit Camordner und dem Sammeln von Papierchen.

    Der Film war für mich schon sehr cool und hat mich total überrascht und begeistert, was mit den Kinderbüchern in letzter Zeit nicht mehr so oft passiert ist.

    Deine Rezension klingt jetzt auch so, dass ich sicher auch noch das Buch dazu lesen werde und wenn mir da der Schreibstil taugt, auch noch die anderen Bücher.

    Ein Hoch auf besondere Bücher und besondere Menschen!
    Itchy

    1. Liebe Itchy!
      Das ist ja toll, dass dich die Filme so begeistern konnten! Ich habe sie noch nicht geschaut, aber wenn sie nah an den Büchern sind, können sie nur gut sein! Ich finde Steinhöfels Ideen auch so toll und seine Charakter so liebenswert, dass man sie sich am liebsten herbeiwünscht!
      Liebe Grüße
      Svenja

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